blue curry / monica ursina jäger

5. Mai 2011, 19 Uhr, Eröffnung

19. Mai, 19.30 Artist Talk, mit Blue Curry, Monica Ursina Jäger und Rachel Lumsden, Veranstaltung in Englisch

26. Mai, 19.30 Screening of Artist Films, zusammengestellt und präsentiert von Nicole Bachmann

9. Juni, 19.30 Uhr Finissage mit Vortrag, Aurel Schmidt referiert über sein neuestes Buch «Die Alpen. Eine Schweizer Mentalitätsgeschichte»

 

 

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Blue Curry (*1974 Nassau, Bahamas) kreiert enigmatische Fantasien über das Tropische, Exotische und das Ursprüngliche,  und untergäbt gleichzeitig auf clevere und subtile Weise die mythischen Aspekte, welche diesen cliché-behaften Themen zugrunde liegen. Alte Videobänder stürzen wie ein Wasserfall aus einem Haifischgebiss,  aus Muscheln bltzen Strobo-Lichter, in einem mit Autolack blau bemalten Betonmischer dreht sich nach Kokosöl richtende Sonnenmilch. Angesiedelt zwischen Souvenir und minimalistischer Skulptur, bewegen sich die Objekte, Videos und Installationen ambivalent zwischen Formen des Ethnographischen, Touristischen und der Popkultur. Die Werke befragen die Wechselwirkungen zwischen westlichen Wunschwelten und Karibischen Realitäten sowie zwischen Kitsch und Kultur. Das sorgfältige Kombinieren von scheinbar Unvereinbarem verleiht Blue Curries Werk eine hohe Komplexität und Verführungskraft. Dem Künstler gelingt es, die Eindeutigkeiten seines Referenzsystems so zu umschiffen, sodass die Werke fernab von konventionellen Interpretationsmustern ihr eigenständiges Vokabular entwickeln. www.bluecurry.com

Monica Ursina Jäger (*1974, Thalwil CH) lotet in ihren Zeichnungen, Installationen und Objekten das Spannungsfeld der unterschiedlich determinierten Auffassungen von Natur, Landschaft und Architektur als gesellschaftlich und kulturell aufgeladene Raumkonstruktionen aus. Sie hinterfragt dabei sowohl die medialen Repräsentationsformen von Natur und Landschaft als auch deren tradierte Wahrnehmungs- und Zuschreibungsmuster. In den multiperspektivischen Bildräumen, in denen die einzelnen Motive versatzstückartig eingebunden sind, werden Landschaft und Natur, architektonische Gebilde und urbane Strukturen zu hybriden Ansichten verquickt, denen ein utopisches Potential zueigen ist. Dieselbe Verfahrensweise lässt sich bei den Skulpturen beobachten. Die prothesenartig angegliederten technischen Apparaturen, von denen die Baumstämme, Äste und Zweige kaum mehr zu unterscheiden sind, verstärken den Eindruck einer konstruierten Form, die in einem Zwischenbereich, zwischen Natur und Kultur, jenseits von bipolaren Festschreibungen verortet ist. www.muj.ch

Die beiden KünstlerInnen haben sich am Goldsmiths College in London während ihrem Masterstudium kennen gelernt und sind seither Atelierkünstler der «Woodmill», einer engagierten Künstler- und Kuratoren- Gemeinschaft. In der umgenutzten Fabrik im Süden Londons finden 90 Ateliers Platz, werden Ausstellungen, Symposien und Publikationen präsentiert und gefeiert.www.woodmill.org

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Nicole Bachmann stellt für dieses Ausstellungsprojekt einige zeitgenössischen Video-und Filmarbeiten von KünstlerInnen aus London zusammen. Die Filme untersuchen die Sprache, auch Filmsprache, und unser Verhältnis zu Kulturwissen. 

Nicole Bachmann (*1973, Zürich CH) lebt seit 2008 in London und absolvierte ebenfalls den Master in Fine Art am Goldsmith College und ist desgleichen Künstlerin mit einem Atelier in der «Woodmill». www.nicolebachmann.net

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Aurel Schmidt denkt in seinem Buch «Die Alpen. Eine Schweizer Mentalitätsgeschichte» über die Frage nach, wie sehr das Alpenmassiv vom Säntis bis zum Mont-Blanc Leben und Denken der Menschen in der Schweiz geprägt hat. Der Einfluss der Berge durch die Zeiten hindurch hat zwischen Schrecken und Anziehung, zwischen ideologisierender Verherrlichung und Skepsis geschwankt. Aus diesen Überlegungen lässt sich eine Schweizer Mentalitätsgeschichte ableiten. Das Buch macht deutlich, wie sehr Alpengeschichte immer auch Literatur-, Philosophie- und Kulturgeschichte ist. Wer sich mit den Alpen befasst, hat es mit einem Archiv der Geistesgeschichte zu tun. Im Nextex referiert Aurel Schmidt frei zum Thema.

Aurel Schmidt (*1935) war bis 2002 Redaktor der Basler Zeitung und ist seither freier Schriftsteller und Publizist. Er verfasste zahlreiche philosophische Essays, Reise-Reportagen, Kommentare und Kolumnen. Unter anderem werden auf dem unabhängigen Newsportal www.onlinereports.ch regelmässig Fragen aus Kultur, Politik und Philosophie bearbeitet.

Die neusten der bisher erschienen Bücher sind «Die Alpen. Eine Schweizer Mentalitätsgeschichte» (2011), «Gehen. Der glücklichste Mensch auf Erden» (2007) und «auch richtig ist falsch. Ein Wörterbuch des Zeitgeistes» (2009).

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Projektleitung: Karin Bühler, Stefan Rohner

 

 

 

 

Eröffnungsrede von Stefan Rohner, 5. Mai 2011 

Nach Monika Sennhauser und Daniela Gugg sind Monica Ursina Jäger und Blue Curry die nächsten zwei Künstler unserer begonnen Reihe an Zweier-Ausstellungen. Monica Ursina ist nach London übersiedelt, um dort am Goldsmith College Kunst zu studieren. Während ihrem Masterstudium hat sie Blue Curry kennen gelernt. Beide haben seit mehreren Jahren ein Atelier in der «Woodmill» in London, einer engagierten Künstler- und Kuratoren-Gemein-schaft. In der umgenutzten Fabrik im Süden Londons finden 90 Ateliers Platz, werden Ausstellungen, Symposien und Publikationen präsentiert und gefeiert.                            

Blue Curry ist 1974 geboren und stammt von den Bahamas – zwischen den USA und Kuba gelegen. Er lebt und arbeitet hauptsächlich in London. Bahamas wird nicht unbedingt mit bildender Kunst in Verbindung gebracht - schon eher mit Ferien in Südsee-Romantik. Gerade deswegen analysiert Blue Curry die Verbindung von tropischem Material mit Alltagsobjekten der westlichen Zivilisation. Es entstehen eine Art ethnografischer Readymades, welche u.a. die Freizeit-Ästhetik hinterfragen. Für Skulpturen und Installationen verwendet Blue Curry Elemente wie Haifischgebisse, Muscheln, Sand oder wie hier im Nextex einen künstlichen Palmenzweig, den er von den Bahamas mitgebracht hat. Die Schlangenhaut, ein weiterer exotischer Fetisch, fand er in London; die Bügelbretter dazu bei Manor in St.Gallen; die Kerzenlichter wieder in London und die Schwämme in Trinidad. In einer anderen Arbeit kombiniert er ein Haifischgebiss mit 567 Stunden Magnet-Tonband, welches formal an Seetang erinnert, oder er klebt ein Schlangenhaut-Muster mit dunkeln und hellen Bohnen auf einen Autopneu. Eine weitere Skulptur, bestehend aus einem mit Autolack verchromten Betonmischer, welcher einige Liter Sonnencreme durchmischt, spricht u.a. auch unsere Geruchsnerven an und spielt auf unsere sonnenhungrige Tourismusindustrie an. Blue Currys Skulpturen haben meist keine Titel. Zur Deutung seiner Objekte befragt, verweist er auf einen Ausspruch von Sol Le Witt vor vierzig Jahren: «A work of art may be understood as a conductor from the artist‘s mind to the viewer‘s. But it may never reach the viewer, or it may never leave the artist‘s mind» - ungefähr übersetzt: «Ein Kunstwerk kann als eine Verbindung vom Künstler zum Betrachter verstanden werden, aber es wird den Betrachter nie erreichen oder den Künstler nie ganz verlassen». Mit «Discovery of the Palm Tree Phone Mast» zeigt Curry im Nextex eine Videoarbeit von 2008: Die Entdeckung eines als Palme getarnten Telefonmastes. Ein schönes Beispiel von kaschierter Technik in vermeintlicher Idylle. Blue Curry sammelte abgefallene Plastik-Blätter von diesem Telefonmast und konstruierte daraus das riesige Palmenblatt, welches er ebenfalls mitgebracht hat. Palmzweige oder Palmwedel haben mehrere Bedeutungen - gerade auch in Religionen und Mythologien und zählen u.a. zu den ältesten Pflanzensymbolen der Menschheit. 

Monica Ursina Jäger ist ebenfalls 1974 geboren und stammt aus Thalwil und wohnte längere Zeit in Berg St.Gallen. Heute lebt und arbeitet sie in London und Zürich. Sie beschäftigt sich u.a. mit dem von Menschen konstruierten Lebensraum – in sozialer wie auch architekt-onischer Hinsicht. «hideout» heissen die Collagen, entstanden aus Tusche und Pigment-transfer, utopische urbane Landschaften, allerdings menschenleer. Zusammengesetzt aus Social-Housing-Projekten aus Montreal, Hütten, Hochseekreuzern und Buckminster Fuller-Konstruktionen. Das Auge wandert durch reale und virtuelle Bildwelten, gleichzeitig in verschiedenen Perspektiven. Den eigenen Augen trauen, welche Fassaden sind noch echt? Sich bewegen in Bildern der Erinnerung - eigener oder fremder. Wird die Technik der Natur immer ähnlicher - oder werden Städte in ferner Zukunft organisch wachsen - wie eine Computeranimation? Monica Ursina Jäger weitet die Zeichnung auch ins dreidimensionale aus: sie malt auf Dialeinwände oder graviert TV-Monitore. Die Rosette an der Nextex-Decke wurde eigens für diesen Ort aus «anti-burglar-pieces» gestaltet - das sind Einbrecher-Abwehr-Teile, welche auf Mauern platziert werden. Ästhetisch gefährlich schön, oder: gefährlich schön ästhetisch. Abwehrsysteme für menschliche Behausungen. Bedrohlicher Barock oder vielmehr bedrohter Barock. Monika Ursina Jäger hat mit diesen Teilen auch schon einen Lust-Pavillon mit dem Titel «non grata» gestaltet. Vielleicht zu Übersetzen mit nicht erwünschter Lust. Sie arbeitet auch mit den sogenannten «bird-ban» - Antitaubenspiessen. Quasi eine Art «Anti-Bionik» - der Begriff Bionik setzt sich aus den Wörtern Biologie und Technik zusammen und beschreibt die von der Natur beeinflusste oder abgeleitete Technik.«Let‘s shoot the moon» heisst eine hybride Skulptur von 2008: schwarzbemalte Objekte wie Mikrofone und Natur in Form von Baumstämmen verschmelzen zu «konstruierter Natur», prothesenartig angeordnet, Kultur versus Natur. Ist der Mond echt oder ist er eine Projektion? Scheinbar ohne Lebewesen, wie die Zeichnungen von Monica Ursina Jäger. Die Mikrofone sind einander zugewandt, eine Rückkoppelung oder Nullkommunikation – weisses Rauschen entsteht. Dieses weisse Rauschen steht wiederum im Dialog mit dem Rauschen des Windes der Videoarbeit von Blue Curry.

 

 

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