neue räume

nicole böniger, david bürkler, jon etter, leo holenstein, cécile hummel, vera ida müller, köfer|hess, christian lippuner, nora rekade, andy storchenegger, bernard tagwerker, michèle thaler

 

 

Unsere neuen Räume wollten wir mit möglichst vielen „neuen“ Namen und neuen oder noch nie gezeigten Werken einweihen. Neue Namen natürlich nicht in der Kunstszene sondern nur in Bezug auf das Programm seit dem Neustart im projektraum exex am Oberen Graben vor sieben Jahren. Es sind Künstler und Künstlerinnen verschiedener Generationen und mit unterschiedlichen Schaffensweisen aus der Region Ostschweiz.

Empfangen wurden Sie bereits auf der Strasse von den Arbeiten des Künstlerduos Köfer/Hess. Es sind drei selbstgebaute Bienenmagazine aus dem Zyklus „Monarchien“, ein work in progress. Die Magazine sind bemalt mit den Flaggen von Monarchien aus aller Welt. Während Monarchien als Inbegriff des Dauerhaften, Feststehenden betrachtet werden könnten, folgen Bienenvölker (mit der Königin auch eine Art Monarchie) ihrer Behausung. So können die flexiblen Magazine mit wenigen Handgriffen umplatziert und je nach Blütenangebot neu aufgestellt werden. Diese Flexibilität fasziniert die beiden Künstler, die sich schon in früheren Arbeiten mit Leichtbauweise beschäftigt haben und räumliche Situationen kreierten. Andererseits ist die Existenz oder zumindest die Identität eines Staates in Frage gestellt, wenn der Monarch zurücktritt oder seinem Land den Rücken kehrt. Zu beobachten war dies vor einigen Jahren, als der Fürst von Liechtenstein seinem Volk drohte, sich aus dem Fürstentum zurückzuziehen, falls sie bei einer Abstimmung nicht in seinem Sinne votierten. Die Liechtensteiner sahen sich in ihrer Existenz und ihrer blühenden Wirtschaft bedroht. Die Konstellation der Magazine und der monarchischen Flaggen wird sich verändern, wenn die Flaggenelemente beim Aufstellen verschoben und neu gemischt werden. Eine flexible Ordnung, die immer wieder neue Konstellationen hervorbringt und möglicherweise auch die familiären und politischen Verwandtschaften und Verstrickungen vieler Monarchien widerspiegelt.

Zu den Ausstellungsräumen:

Oberflächlich betrachtet könnte man in den Arbeiten im ersten Raum eine Auseinandersetzung mit architektonischem Raum, im zweiten Raum mit inneren, psychologischen oder verborgenen Räumen assoziieren. Dass dies nur bedingt richtig ist, werde ich hoffentlich in den folgenden Gedanken darstellen können.

Ein fliegender Teppich scheint sich in Leo Holensteins Arbeit auf einem Sockel niedergelassen zu haben. Vielerlei Anspielungen liessen sich finden, man denkt vielleicht an die magischen Objekte der Surrealisten, aber auch an die einfachen Grundformen der Minimal Kunst – zwei eigentlich unvereinbare künstlerische Positionen: das Geheimnis im einen – das „you see what you see“ im anderen. Hart und kantig, weich und fliessend treffen aufeinander.

Im Video „Passegiate oscure“ (finstere Spaziergänge) führt uns Cécile Hummel durch Reihen von Regalen, auf denen alte Bücher eingelagert sind, sowie durch die Räume der „Casa della Professa“, der ältesten Bibliothek Siziliens aus dem 17. Jahrhundert. Der geradezu „sichtbaren“ Stille dieser menschenleeren Räume, in denen halbzerfallene Lederbände vor sich hindämmern setzt die Künstlerin eine Tonspur entgegen, die das Verstummen dieser Schätze fast schmerzlich spürbar machen. Einerseits hören wir ein Stück des zeitgenössischen Komponisten Giacinto Scelsi, andererseits einen traditionellen Trauermarsch aus Palermo, der mit seinen Dissonanzen angesichts des Gesehenen besonders fremd klingt. In kurzen Sequenzen werden auch Bilder von der traditionellen Osterprozession eingeflochten. Die schwarz-weiss Aufnahmen wirken wie historische Dokumente, die urtümliche, längst vergangene religiöse Rituale zeigen. Die Verknüpfung der Bilder mit den Tonspuren lässt die Vergänglichkeit, die Gefahr des Verstummens auch dieser religiösen Traditionen schmerzhaft bewusst werden.

David Bürkler ist von Faltungen fasziniert. Und von der Verwandlung von Alltäglichem in präzise, häufig minimalistische Objekte. „In sich Gefaltetes“ könnte von einer jener geradezu künstlerisch wirkenden Verpackungen inspiriert sein, wie sie dort zu finden sind, wo nicht einfach Styroporflocken vor Schlägen schützen. Jene komplexen Karton-Gebilde, um ein Objekt herumgestaltet und -gefaltet, die sich aber mit wenigen Handgriffen in die Fläche zurücklegen lassen. Ein solches Objekt oder ein gefaltetes Papier könnte der Ursprung für diese Wandarbeit sein. Ein zentrales Element in Bürklers Schaffen ist die Transformation, sei dies die Umsetzung in andere Materialien und Farbigkeit, in andere Dimensionen, oder die Kombination scheinbar unvereinbarer Elemente. In dieser Wandarbeit entwickelt das wie ein Papier gefaltete, knallig grün lackierte Stahlblech eine dynamische Spannung, zwischen Flächigkeit und Räumlichkeit, zwischen Glattem und leicht Gewölbtem, zwischen vor und zurückweichenden Ebenen.

Nicht gefalteter Karton, sondern ein Kartenspiel beschäftigte Vera Ida Müller.

Seit den 70er Jahren, als Gerhard Richter seine ersten verwischten Foto-Gemälde schuf, fasziniert die malerische Auseinandersetzung mit Fotografie immer neue Generationen von Malern und Malerinnen. Auch Vera Ida Müller arbeitet nach fotografischen Vorlagen. Waren es anfänglich oft Aufnahmen aus eigenen oder fremden Familienalben und ähnlichen Quellen, hat sie für die Bildserie der „Kartenhäuser“ die Szenen selbst aufgebaut und fotografiert. In diesen neuen Gemälden reduziert sie die Farbigkeit auf ein enges Spektrum von Beigetönen. Das Labile und Vergängliche eines Kartenhauses spiegelt sich wider in der Flüchtigkeit des Pinselstrichs, in der Unfassbarkeit von Farbe, Kontur, Raum sowie in der luftigen Immaterialität der Karten.

Auch die Fotografie von Jon Etter ist von labiler Spannung geprägt. Etter sucht seit einigen Jahren Landschaften, die von teilweise massiven Eingriffen durch den Menschen gestaltet sind. Meist handelt es sich um ältere technische oder industrielle Bauten, die nicht mehr in Betrieb sind und langsam dem Zerfall entgegen bröckeln. Etter geht es allerdings nicht um das Pittoreske des Zerfalls, er sucht vielmehr den Zeitpunkt bevor der Zerfall offensichtlich wird. Im ausgestellten Bild sehen wir eine Hangbefestigung, davor einen fast leeren Parkplatz, darüber - am Horizont, die Spitzen von drei Wohnblöcken. Die Befestigung wirkt bedrohlich instabil, als ob die Unregelmässigkeit des Beton-Rasters bereits Folge einer Verschiebung wäre – man denkt automatisch an die eingestürzten Kartenhäuser von Vera Ida Müller... Auch die Wohnhäuser - in der leichten, fotografischen Verzerrung - scheinen bereits nach hinten wegzurutschen.

2. Raum:

Etwas Prekäres und Labiles haftet auch den fünf kleinen Gemälden von Nicole Böniger an, die zu einem Bild zusammengefügt sind. Irritation geschieht durch die kleinen Abweichungen in den Formaten, sodass sich eine Spannung des Ungenauen aufbaut, welche der Betrachter zu korrigieren sich gezwungen fühlt. Die Fugen bilden Grenzen und werden zugleich von einer silberfarbenen, rasterartigen Struktur überspielt, welche über alle 5 Tafeln gelegt ist. Diese Fugen bilden im entstehenden Kreuz aber auch das einzig Präzise in der Konstellation. Die silberfarbenen, offensichtlich gesprayten Balken verbinden nicht nur die 5 Teile sondern erscheinen auch als „Verschmutzung“ der darunter liegenden Malerei, als ob ein Vandalenakt die Malerei hätte zerstören wollen. Die Künstlerin baut so auf vielfältige Weise eine Spannung auf zwischen den neben- und übereinander liegenden Malschichten, zwischen Teil und Ganzem, zwischen Trennendem und Vereinendem.

Bernard Tagwerkers dreiteilige Arbeit wirkt auf den ersten Blick wie ein Psychogramm, eine informelle, spontane Zeichnung. Kennt man jedoch Tagwerkers Schaffen, weiss man natürlich, dass es das ganz bestimmt NICHT ist. Seit den 70er Jahren setzt sich der Künstler auf vielfältigste Weise mit Zufallssystemen auseinander und seit Beginn der Computerära mit verschiedensten Programmen, die er auf ihren Einsatz für künstlerische Produktion testet. Waren dies zunächst v.a. Zufallsprogramme, welche die Entstehung der Werke bestimmten, befasst er sich in jüngster Zeit mit sog. „künstlichen neuronalen Netzen“, d.h. mit Computerprogrammen, welche selbständig lernen und damit Abläufe optimieren können. In den hier gezeigten Arbeiten kehrt er den Lernvorgang um, „das Programm lernt rückwärts – im Grunde ein absurdes Unterfangen“, wie er selbst den Prozess beschreibt. Wie in früheren Arbeitsprozessen, z.B. mit Zufallssystemen, entzieht sich der Künstler selbst die Kontrolle über die künstlerische Gestaltung. Zwar wählt Tagwerker die Parameter und die Methode der Materialisierung, in diesem Fall Lithographietusche auf Barytpapier, mit einem Gummi bearbeitet von einem Flachbettplotter; die ästhetischen Entscheide – wenn man das so nennen kann – überlässt er jedoch den Programmen. Und er akzeptiert das unvorhersehbare Resultat – als Kunstwerk. Tagwerkers Skepsis gegenüber ästhetischen Entscheidungen durch den Künstler stand am Anfang seiner langen Reise durch die Welt des Zufalls. Sie hat ihn zu immer neuen und überraschenden Stationen, resp. Werken geführt. Dass diese immer mal wieder an verschiedene Kunstrichtungen, wie in diesen Arbeiten an Informel, erinnern, ist, neben ihrer ästhetischen Qualität, das Irritierende und Spannende an seinem Werk.

Im Video von Nora Rekade sehen wir einer zu unhörbarer Musik tanzenden Figur zu. Das Gesicht verborgen unter einer Kapuze erhält sie etwas Marionettenhaftes, scheint in gewissem Sinne auch gefangen in einer für den Betrachter unzugänglichen Welt. Der Titel „Looking Back“ bezieht sich auf eine Redensart, aber auch den Song „Over my shoulder“, der in der Interpretation von Mike and the Mechanics Mitte der 90er Jahre wochenlang in den Hitparaden gespielt wurde. Darin geht es um Trennung, Reue, Verlassenheit. Der Rückzug in eine innere, eigene Welt, unterstrichen durch die bewusste Einfachheit in der filmischen Umsetzung erinnert natürlich auch an die zahllosen Selbstinszenierungen auf Youtube, wo privater Herzschmerz in die Welt hinausgeschrien wird. Die Anonymität des verborgenen Gesichts und das Fehlen der Tanzmusik führt jenen Internet-Exhibitionismus allerdings ins Absurde.

Um die Fragilität zwischenmenschlicher Beziehung geht es – auch – Christian Lippuner in seinem Bild „Fragiler Dialog“. Schemenhaft erscheinen zwei Köpfe vor dunklem Hintergrund, in einem unbestimmten Raum. Auch sie erscheinen isoliert in ihrer je eigenen Welt und doch spinnt die Malerei kaum wahrnehmbar eine leise Verbindung. Zwischenräume beschäftigen den Künstler seit vielen Jahren, sei es in einer eher abstrahierten architektonischen Auffassung, sei es wie in diesem Werk, auf der wenig fassbaren Ebene einer Begegnung zweier Menschen.

Nicht ganz fassbar in ihrer Zartheit und zugleich stark in ihrer Präsenz ist auch die kleine Filzstiftzeichnung „Schlaflose Nächte“ von Michèle Thaler. Ein Gebilde aus miteinander verbundenen und sich verwebenden Zellen scheint darin zu pulsieren. Die leuchtende Farbigkeit und die Konturen lassen an Cloisonné denken. Ein deutsches Wort für dieses Verfahren heisst – wunderschön und zu diesem Bild passend – „Zellenschmelz“. Die Künstlerin versteht das Bild als Standbild aus einem Filmfragment. Bewegt erscheint das farbige Gebilde, atmend, wachsend, einer Wolke gleich, die sich durch die (schlaflose) Nacht treiben lässt.

Skurril und etwas boshaft ist der Schlusspunkt mit Andy Storcheneggers Katze, die – so verspricht der Titel – „Vom Glück übermannt“ wird. Ambivalent bleiben die Gefühle und Eindrücke: Der Erdenschwere entkommen sollte das Tier, doch statt mit dem Ballon abzuheben wird dieser zum Anker, der sie am Boden festhält. Andererseits kehrt sich eine tierquälerische Situation möglicherweise um in eine Art Befreiungsakt? So klettert die Katze nun durch die Luft oder als Schatten über die Wand den Balken entgegen und schlägt den physikalischen Gesetzmässigkeiten ein Schnippchen – vielleicht – oder bleibt auch die verkehrte Welt ein Gefängnis? Wer weiss....

Bei der Lüftung dieses und anderer Geheimnisse wünsche ich Ihnen viel Vergnügen, und danke im Namen des nextex-Teams nochmals allen KünstlerInnen für ihre Teilgaben und Ihnen für Ihr zahlreiches Erscheinen.

Corinne Schatz, 2. Dez. 2010

 

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