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Videobad// Beteiligte KünstlerInnen:

Ursula Palla, Rosetta, 3-Kanal-Videoinstallation, 2011/12
*1961, von Reute AR, lebt in Zürich
Sternenhimmel mit „shooting stars“ Der Rosetten-Nebel“ ist eine riesige Gaswolke in ca. 5500 Lichtjahren Entfernung, bekannt als stellare Kinderstube. Teller in diversen Grössen werden von Hand gedreht und zerschlagen nach einiger Zeit. Das Drehgeräusch ist mal höher oder tiefer - je nach Geschwindigkeit der Drehung. Der Sternenregen kulminiert zu einem Höhepunkt und klingt wieder ab.


Anita Zimmermann, Wald & Sport & Weizen, Video-Installation, 2012
* 1956, von Schaffhausen, lebt in St.Gallen
Animierte Collagen aus Standbildern – Jogger im Wald; austauschbare Figuren hopsen durch den Wald. Die Künstlerin in einer Pusteblume-Tracht in einem Weizenfeld; Fingerballett auf der Rennbahn. „Leicht-Athletik mit der Hand“. Die verspielte Flash-Animation hebt sich gut von der statischen grobkörnigen Pixel- Kulisse ab.
Kapaikos & Kobra Killers - eine 8köpfige Mandolinenband aus Hamburg liefern den Sound dazu.


Monika Rechsteiner, Hikikomori, 2012
aufgewachsen in St.Gallen, lebt in Berlin Als Hikikomori (jap. sich einschließen) werden in Japan Menschen bezeichnet, die sich freiwillig einschliessen. Langsame Kamerafahrt - knapp über dem Wasser - durch ein altes Industriegebäude – eine Schiffswerft? Bei Monika Rechsteiners Video herrscht eine gespenstische Ruhe - Tropfen hallen in einer rostigen Anlage. Klaustrophobisches Gefühl kommt auf. Aus den Nischen und Räumen scheint es keinen offenen Ausweg zu geben. Ein Papierschiff schwebt durch die Szenerie. Rauch oder Wasserdampf quillt aus Ritzen der rostigen Wände und sucht sich einen Weg aus dem Metallkörper.


Roland von Tessin, eternity redux, 2010
* 1981, aufgewachsen in St.Gallen, lebt in Zürich Nachtaufnahmen von einem Gebäudeabriss (ein Spital in Basel). Wasserfontänen und Staubwolken im Gegenlicht gefilmt. Eine geheimnisvolle Mehrfeld-Collage mit helldunkel Kontrasten löst sich auf in einer Art Sciencefiction. Roland von Tessin kombiniert reale Aufnahmen mit grafischen Bildern. Der schwarzweisse Videoclip erinnert an den frühen experimentellen Film.


Erhard Sigrist, ich atme, 2009
*1974, Arth Hektisches Atmen durch eine Gasmaske - in giftgrünem flackerndem Licht - erzeugt Spannung. Die Demaskierung enttäuscht insofern, da sie verbirgt, was sie enthüllt. Anfang ohne Ende. Sisyphuseffekt, Maske bleibt Maske.


Christine Hagin Witz, woman, 2012
*1964, geboren in Basel, lebt in Kreuzlingen Eine alte Frau, welche in einer Grossstadt von Abfall lebt, ist die Protagonistin in Christine Hagin Witz Videoarbeit „woman“; Verfremdete Bilder von Stadtlandschaften und Einkaufsläden in körniger Zeichnung. Eine Stadt im Ueberfluss. Langsamer Rhythmus zu Sound von Hagin.


Isabel Rohner, Meditation und Arbeit, 2012
*1974, von Walzenhausen AR, lebt in Zollikon Zweihändig malt Isabel Rohner Schriftzeichen an eine Betonwand. Gegenwart und Zukunft gleichzeitig mit Links und Rechts in einem Wort zusammengefügt. „Zwei Hände arbeiten schneller“. Isabel Rohners Video ist eine dokumentierte kontemplative Performance. Ist solches Schreiben überhaupt möglich? Zwei Hirnhälften ergänzen sich. Langsam gepinseltes Grafitti.


Thomas Stüssi, Fisch, 2004
*1978, aufgewachsen in Teufen, lebt in Berlin Blick in ein Aquarium mit realen und künstlichen Fischen. Plastik und Schuppen berühren sich. Sprechen jetzt die Fische oder sind es die Besucher im Sealife? Luftblasen bewegen die Plastikfische - eine Täuschung. Thomas Stüssi‘s Kommentar: „Sometimes I think I am different“.


Tom Lang, Performance
*1962, Zürich Eine öffentliche Performance hängt von einem interaktiven Publikum ab, aber das Publikum braucht sich nicht mit dem Künstler in Verbindung zu setzen, um interaktiv zu sein. Eine Performance kann einen Gedankenfaden beim Publikum auslösen, hoffentlich Kontakt zu anderen Zuschauern schaffend – das ungewöhnliche Vorkommen betrachtend. (Tom Lang)


Projektleitung: Martina Weber, Stefan Rohner, 19.4.2012

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Baden einmal anders
by Kristin Schmidt


Die aktuelle Ausstellung im Nextex versammelt Arbeiten von acht Künstlerinnen und Künstlern. Ausserdem wurde die Künstlerbar von Elisabeth Nembrini neugestaltet.

Folgt das Nextex jetzt dem Wellnesstrend? Von Spa und Saunalandschaft ist zwar nicht die Rede, doch die aktuelle Ausstellung lädt zum Bade, genauer zum „Videobad“. In Bildern schwelgen, eintauchen, abtauchen, sich erfrischen – solche Assoziationen liegen auf der Hand und doch wäre es zu kurz gefasst, wollte man die Ausstellung inhaltlich oder ästhetisch auf solche Aspekte hin einengen. Bereits die Präsentationsformen sind unterschiedlich und erlauben mal intensive sinnliche Erlebnisse, mal geben sie kurze, aber prägnante Denkanstösse.

Die Ausstellungsbesucher erwartet zunächst eine Kompilation aus sechs Videos auf einem Flachbildschirm. Monika Rechsteiners Kamerafahrt durch eine alte Schiffswerft zelebriert die Schönheit des Verfalls: Tropfen, Spiegelungen, ein langsam gleitendes Papierboot, die Narben eines alten Gebäudes und immer wieder das einfallende Licht. Fast gerät ob der Lust am Schauen, die Tragik des Untergangs aus dem Blick. Auch Roland von Tessin startet mit einem Untergang, er löst den Abriss eines Spitalgebäudes in kristallinen Strukturen auf. Erhard Sigrists „ich atme“ erzeugt Beklemmung angesichts eines Menschen mit Gasmaske, dessen immer hektischeres Atmen keinen Ausweg findet. Christine Hagin Witz verfremdet und kombiniert Bilder einer Grossstadt und einer alten, vereinsamten und verarmten Frau zu überdeutlicher Sozialkritik. Thomas Stüssis „Fisch“ gibt da mehr Rätsel auf in seinem Aquarium, umgeben von künstlichen Gefährten.

Isabel Rohner braucht weder Rätsel noch Verfremdung. Ihr Video zeigt sie selbst, wie sie mit zwei Händen und zwei Pinseln „Wer mit zwei Händen arbeitet, ist schneller“ an eine Betonwand schreibt. Sie führt den Satz im selben Moment ad absurdum, in dem sie ihn demonstriert, und hinterfragt althergebrachte Kategorien für Arbeit, indem sie andere Qualitäten zum Zuge kommen lässt.

Wer mit der ersten Bilderdusche den Kreislauf in Schwung gebracht hat und seine Schritte in den zweiten Teil der Ausstellung lenkt, sieht sich in einen Sternennebel gehüllt. Sterne? Teller sind es, aufgerichtet, gedreht, fallend, klirrend, zu Gruppen zusammengefasst, riesig gross oder nur noch als Lichtpünktchen erkennbar. Ursula Palla erlaubt es dem Betrachter, sich in der ausgeklügelten, raumfüllenden Komposition zu versenken, sich dem Kosmos nahe zu fühlen.

Anita Zimmermann schliesslich hat Standbilder zu filmischen Collagen zusammengefügt. Sie  schwebt als Pusteblume übers Feld. Jogger wuseln Ameisen gleich durch den Wald und Finger stolpern über den Sportplatz. Verspielt und verträumt kommt diese letzte Arbeit daher und wird am besten gleich als Anlass für einen zweiten Rundgang genommen, denn langweilig wird es im Videobad nicht.

PUBLISHED: April 21, 2012
FILED UNDER: St. Galler Tagblatt
TAGS: Film : Kunst

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